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Was mögen unsere Eltern und die Elbinger Einwohner gedacht haben, als 1943 unsere Stadt mit Soldaten überfüllt wurde? Schon im Winter 1939/40 wurden in der Bürgerressuorce am Friedrich-Wilhelm-Platz Soldaten einquartiert. (Bilder sh. Seite Bürgerressource) Meine Großeltern hatten im Gemeindehaus der Pauluskirche, in der Adalbertkirchstr. eine Dienstwohnung im I. Stock. Im Erdgeschoß war ein großer Gemeindesaal in dem ca. 10 Soldaten einquartiert wurden, Für uns Jungen, ich war acht Jahre alt, war das natürlich das Ereignis. Mit den Soldaten aus dem Blechnapf (Kochgeschirr) löffeln, na und erst das Komißbrot, wir stürzten uns darüber her als gebe es Zuhause nichts zu essen, dabei hatten wir um diese Zeit noch alles.

Ganz aus dem Häuschen waren wir, wenn die Soldaten rund um den Katzenteich Straßenkämpfe übten, dann lagen wir mit einem Knüppel als Gewehrersatz hinter den Soldaten. Natürlich mit Weidenzweigen im Hosenbund und um den Kopf gebunden, getarnt wie unsere großen Vorbilder, mit dem Knüppel im Anschlag und riefen laut: „ Peng – Peng“. Unsere Soldaten waren gar nicht darüber erfreut, an unserem Geschrei wusste die Gegenpartei gleich, wo der Gegner in Stellung gegangen war.

Na und erst die roten Holzspitzen von den Platzpatronen, ein begehrtes Tauschobjekt, fast so wertvoll wie die Granatsplitter. Bei den nächtlichen Luftangriffen der feindlichen Flugzeuge und ihrem Überflug verballerte unsere Flak unzählige Geschosse und wir sammelten früh am Morgen diese Splitter ein, in der Schule unter der Bank wurde dann eifrig getauscht. Ja, für uns Jungens war das eine wirklich schöne und interessante Zeit.

Wie mag es aber in den Erwachsenen ausgesehen haben, die schon Krieg und Elend miterlebt hatten? Da wurde ein extra starkes Leinen gekauft und daraus Rucksäcke genäht, für jedes Familienmitglied einer, seiner Größe entsprechend angepasst. Papiere, Sparbücher, Schmuck und Geld wurden in das Futter der Mäntel eingenäht. Im Garten hatte Opa einen stabilen Bunker mit Herd und gefüllter Speisekammer gebaut, aus meiner Sicht eine hoch interessante Burg, in die ich am liebsten sofort umgezogen wäre. Die mit dem nötigsten gefüllten Rucksäcke und unsere warme Fluchtgarderobe hingen und standen am Wohnungseingang.

Die nächtlichen Fliegerangriffe wurden immer häufiger, kaum war man eingeschlafen, dann schreckte man durch das Geheul der Sirenen hoch, rein in die Klamotten, den Rucksack auf den Rücken und dann an der Hand der Mutter die Treppen runter, über den Hof und in den rettenden Bunker.

Die wohl wichtigste Verhaltungsmaßregel unserer Mutter hieß: Nie die Hand der Mutter loslassen, dicht an der Mutter bleiben, immer die kleine Schwester im Auge behalten und alles mitmachen, zum Beispiel sofort mit hinwerfen. Bis jetzt war das alles für uns Lorbasse noch nicht beängstigend und aufgeregt diskutierten wir am nächsten Tag, wer mehr Flak-Scheinwerfer am Himmel gesehen oder gar Fallschirme mit Kerzen (diese markierten die Bombenabwurfflächen – wohl beim Angriff der Schichauwerft im Ostwinkel des Haffes) oder das der Opa von Waldemar K…. beim zu spät gegebenen Alarm, als die Flak schon feuerte, vor Schreck in die Buchsen sch…, das konnte uns Lorbasse nicht passieren, wir fühlten uns stark und sicher, es war ja auch unser erster Krieg. In der Schule hatte man uns klar gemacht, wie stark Deutschland und wie schwach unsere Feinde waren.

Anfang Januar wurden wir Lorbasse doch etwas kleinlauter, über Nacht waren die Soldaten aus dem Gemeindehaus in Richtung Front verlegt worden. Der Schulbetrieb wurde eingestellt und Mutter ließ uns Kinder nicht mehr auf die Straße. Auch waren schon einige Wohnungen und Häuser verlassen, angeblich waren die Bewohner auf Verwandschaftsbesuch im Reich. Opa schaufelte im Garten hinter dem Stall eine große Grube aus, da wurden in Ölpapier verpackt, gutes Geschirr, Silberbestecke, Teppiche und sonstige Wertsachen als unterste Schicht eingegraben. Darüber eine dicke Schicht erde und dann wider eingewickeltes, eingemachtes in Weckgläsern und sonstige Nahrungsmittel und minderwertige Sachen und dann wurde das Loch zugeschaufelt. Opa war der Meinung: wenn hier jemand gräbt, dann findet der Lebensmittel und ein paar Habseligkeiten und entdeckt hoffentlich nicht unsere Wertsachen darunter. Ob er Recht behalten hat, weiß ich nicht, von unserer Familie hat niemand mehr nachgegraben.

Dann wurde es wirklich ernst. Am 23. Januar 1945 kam Opa am Nachmittag aus der Stadt und berichtete von unendlichen Flüchtlingskolonnen aus dem Osten. Mit dem Polizisten von der Pangritz-Kolonie, Wachtmeister Herbst aus der Benkensteinerstr. und einigen anderen habe er ausgemacht, dass wir am nächsten Morgen noch bei Dunkelheit über den Elbing nach Jungfer flüchten. An diesem Tag fuhren acht deutsche Panzer mit Russen besetzt unbemerkt in Elbing ein und begannen ab der Kaserne Weingrundforst an zu schießen. einige Panzer wurden in der Innenstadt abgeschossen, einer Am Alten Markt vor dem Kaufhaus Herzfeld & Schwan, aber zwei Panzer konnten über die Ziesestr. entkommen und standen auf der Röberner Chaussee vor der Pionier- Kaserne. Hier waren diese Panzer sicher, denn die große Kaserne war nicht belegt, es waren nur ein paar Leute (Wartungs-Personal) anwesend.

Noch vor dem Morgengrauen am 24. Januar schlichen wir uns mit dem Rucksack auf dem Rücken und weiterem Gepäck auf dem Schlitten über die Pangritzstr. und dann mit den dort wartenden Kolonisten durch die Schloßstrasse.  Nach der Schloßstr. beim überqueren der Ziesestr. mussten sich alle sehr leise verhalten, denn die beiden Panzer in Sicht- und Hörweite vor der Pionierkaserne schossen auf alles was sich bewegte. Gar zu gerne hätte ich mir die Russenpanzer mal aus der Nähe angesehen, aber ohne meine großen Freunde von der Kolonie hatte ich doch zu viel Bammel und dann hätte mich meine Mutter auch wohl nicht losgelassen.

Ein bereits ausgetrampelter Pfad über den zugefrorenen Elbingfluß führte uns weiter, bis wir am Abend Jungfer erreichten. In Jungfer warteten wir bei einer befreundeten Familie einige Tage darauf, um wieder in das endlich befreite Elbing zurück zu kehren. Es wurde nichts daraus, wir flüchteten mit unseren Gastgebern in einer endlosen Kolonne  zwischen Soldaten in Richtung Weichsel und Danzig.

Nachts kamen wir an der Weichsel an, die Fähranlegestelle war von vielen Menschen umlagert. Es war ein Geschiebe und Gedränge, wir mussten auf den Schlitten mit dem Gepäck achten und Mutters Rat befolgen, ihre Hand festhalten. Am nächsten Vormittag waren wir alle endlich zusammen mit unseren Rucksäcken und dem Schlitten am anderen Ufer der Weichsel. Kurz danach stand ein großer Wagen mit Emmentaler Käse beladen, der von den Flüchtlingen geplündert wurde. Auch unser Opa konnte so einen runden Wagenrad großen Käselaib erhaschen. Dieser Käselaib war in den nächsten Tagen unsere Hauptnahrung. Wir liefen ab der Weichsel weiter bis nach Danzig. Es war sehr kalt, aber wir waren gut eingepackt, hatten Hosen und Pullover doppelt an und in der anhaltenden Aufregung merkte man nichts von der Kälte.

Am Stadtrand von Danzig wurden wir in einer großen Turnhalle mit warmer Suppe und Tee versorgt und in eine Danziger Wohnung eingewiesen, ein kleines Zimmer für drei Erwachsene und zwei Kinder. Unser Schlitten wurde sofort beschlagnahmt und zur Frontlinie befördert. Die nächsten Tage verliefen fast friedlich. Wir besichtigten die Stadt, besuchten Verwandte, die ebenso aus Elbing geflüchtet waren oder standen Stunden lang an, wenn in einem Laden Lebensmittel oder Fleisch (Pferdefleisch) verkauft wurde. Aber bald wurde auch Danzig bombardiert und der Luftschutzkeller wurde für Wochen unsere neue Bleibe. Dicht gedrängt saßen über hundert Leute in dem großen Keller, der unter mehreren Häusern ausgebaut war. Am Palmsonntag waren plötzlich die Russen im Keller und sammelten in umgehängten Bettbezügen alle Wertsachen ein. Ihren Ruf: „Uhr, Uhr“ höre ich noch heute.

Danach wurden wir alle aus dem Keller quer durch die Stadt nach Emaus getrieben und campierten ausgeplündert mit unzureichender Bekleidung auf freiem Feld bei ziemlich niedrigen Temperaturen. Jeden Morgen vergrub man in der Nähe die in der Nacht erfrorenen Leute. Jetzt wurde meine Mutter zur Trümmerfrau. Jeden Morgen holten die Russen mit Lastwagen alle arbeitsfähigen Frauen und Kinder ab, wir mussten in Danzigs Innenstadt Ziegel sauber abklopfen und auf Lastwagen  verladen. Die Ziegel wurden nach Russland und Warschau verfrachtet.

Im Lager verbreitete sich die Parole: In Elbing ist wieder alles normal, die Straßenbahnen fahren wieder und in den Geschäften kann man auch Lebensmittel einkaufen. Wir schlichen uns bei Nacht aus diesem Lager und organisierten einen Handwagen. Unterwegs haben wir in verlassenen Häusern nach brauchbaren Sachen gesucht und diese auf unserem Handwagen mitgenommen.  Und wieder ging es in Richtung Weichsel, aber jetzt in Entgegengesetzter Richtung und bei milderen Temperaturen und in Richtung Marienburg. In Marienburg sollte noch der einzige Übergang sein. Hier kamen wir nach mehrtägigem Fußmarsch spät abends an und suchten uns ein Versteck in den Burggräben. Auch in diesem Versteck blieben wir einige Tage.  In verlassenen Bauernhäusern fanden wir manchmal etwas essbares, was wir heute bestimmt nicht anfassen würden. Aber wenn man manchmal tagelang nichts zu essen hat dann tut es auch eine Brennnesselsuppe mit etwas Baumrinde. Und weiter ging es in Richtung Elbing zurück. Bei der großen Zuckerrüben- Fabrik in Katznase war Ende. Wir wurden von den Russen eingesammelt und erneut ausgeplündert und unseres Handwagens beraubt. In diesem Dorf nahe der Kirche, die heute in Elbing steht, wurden wir einquartiert. Hier mussten wir alle zur Kartoffelernte ran, dann die Kartoffeln schälen und in Scheiben schneiden. In einem völlig entkernten Haus das total außen abgedichtet war wurden diese Kartoffelscheiben ausgelegt und gedörrt. Dazu wurde im Keller ein großes Dauerfeuer unterhalten. Die getrockneten Scheiben gingen in Säcke verpackt nach Russland. Bei der nächsten Gelegenheit klauten mein Opa und ich unseren Handwagen aus dem Hof der Russen zurück und nahmen auch noch einige nützliche Dinge mit, noch in derselben Nacht liefen wir nach Elbing. Hier kamen wir buchstäblich aus dem Regen in die Traufe.

Das Gemeindehaus war unbewohnbar und unsere zweite Wohnung in der Pangritzstr. war belegt. Diese Leute mussten zusammenrücken und so ging es erst mal. Mutter und Opa gingen tagsüber nach Drewshof zum arbeiten, so hatten wir wenigstens etwas zum essen.  Nach einem weiteren Jahr, 1947 wurden wir aus Polen ausgewiesen, wir landeten auf der Moritzburg in Zeitz / Sachsen-Anhalt, endlich wieder in Freiheit, in Deutschland.


Die Pangritz-Kolonie vor 1940, ganz rechts in dem Gemeindehaus wurde ich geboren.

Doch zurück nach Elbing, die Kriegshandlungen auf Seite II.