Home
Reise-Info-Elbing
Verkehrsplan
Preußens Urgeschichte
Geschichte
Ostergebräuche
Elbinger Totenbuch 1
Elbinger Totenbuch 2
Elbinger Totenbuch 3
aus Elbing
Elbing ab 1237
unser altes Elbing
Siegel,Wappen,Fahnen
Altstadt
Elbinger Stadtmodell 1
Elbinger Stadtmodell 2
meine Bücher
Elbinger Straßen A - F
Elbinger Straßen G - M
Elbinger Straßen N - Z
Vor 60 Jahren- 1945/ I
Der Kampf um Elbing
Vor 60 Jahren- 1945/ II
1945 - Einzelschicksale
Logen-Pestalozzistr.
Klassenfotos
Elbinger Stadttheater
Heinrich-von-Plauen-Schule
Bürger - Vereine
Rudervereine
Badeanstalten
Elbinger Gesangvereine
St. Georg.-Brüder.
Pott-Cowle-Stiftung
Harry Schultz
Werner Grunwald
Bogdan Kiebzak
Schichau
Elbinger Münzen I
Elbinger Münzen II
Elbinger Münzen III
Elbinger Notgeld
Elbinger Bier
Elbinger Schiffe
Elbinger Silber
Elbinger Zinn
"Freyen Bürgerhöfe"
Der Landkreis 1944
Pangritz - Kolonie
Adalbertkirchstr.
Pangritz- Club
Clubnachrichten
30 Jahre Pangritz-Club
Maibaum-Chronik
Maibaum - Treffen
Neue Generation
Maxi im Internet
Elbing 2003
Elbing 2004
Stadtspaziergang 2004
Elbing 2006 / I
Elbing 2006 / II
Elbing 2006 / III
Elbing 2006 / IV
Elbing 2006 / V
Elbing 2008 / I
Elbing 2008  / II
Elbing 2008 / III
Elbing 2008 / IV
Baumgarth
Fischer - Vorberg
Flugplatz Wansau
Flugplatz Eichwalde I
Flugplatz Eichwalde II
Flugplatz - Siedlung
Speicherinsel
Heimstättenpark
Mennoniten
Synagogen-Gemeinde
Elbinger Höhe
Rollberge
Cadinen
Kahlberg
Impressum
Linkliste
Gästebuch
Hans
Plauenschule



„Laufen, nichts als weglaufen, nur fort, weg von den Russen!“ Ich laufe um mein Leben, sehe den Schnee vor mir aufstieben – sie schießen immer weiter – treffen mich nicht – laufen, laufen!
Mir hat der Schuß die linke Backe aufgerissen – ein Streifschuß, stelle ich im laufen fest. Dann stürze ich einen tiefen Hang hinunter – in einen Bach – spüre das eiskalte Wasser und das Blut in meinem Gesicht. Weiter, denke ich, nicht  hier bleiben! Ich bleibe unten, laufe im Wasser bachaufwärts -  immer nur weg von diesen Mördern.
Ganz plötzlich warnt mich meine innere Stimme: „ Die Richtung ist verkehrt – zurück, entgegengesetzt muß ich.“ Ich drehe um, laufe im Bach in die andere Richtung, eiskalt ist das Wasser, aber ich bin wenigstens außer Sicht. Der Bach macht nun einen scharfen Knick und – oh Überraschung: Dahinter finde ich einen Leutnant und vier Mann, jene Kameraden von unserem SPW (Schützen-Panzer-Wagen), von denen wir uns in der Nacht getrennt hatten.
Ich sage zu ihnen: „Kommt mit weg von hier, mich haben die Russen schon beinahe gehabt“ aber der Leutnant sagt: „Ich buddle mich hier in den Schnee ein“
Die vier anderen zögern, kommen aber schließlich mit mir mit, bachabwärts. Es geht ein Stück im Bach dahin, nicht ohne Schwierigkeiten. Vorne kommt eine Brücke. Wir nähern uns, schleichen gebückt unten durch. Hinter der Brücke steigen wir aus dem tiefergelegenen Bachbett heraus und gehen seitwärts ins Unterholz eines Waldes. Plötzlich der Ruf: „Rucki wärch!“ (Hände hoch) Verflucht, auf der Anhöhe stehen sie! Ich brülle: „Los zurück“, und springe über den Bach und laufe gleich wieder weg. Die vier Kameraden kommen aber nicht nach, rufen: „Wir ergeben uns nun!“ Weiter, wieder weg von hier, laufen! Ich laufe auf die Straße – kein Fahrzeug ist zu sehen. Ich bleibe auf der Straße. Die geht nun einen Berg hinauf. Auf der Höhe bleibe ich stehen und schaue zurück. Entsetzen packt mich, ich sehe die Feldscheune brennen und im gleichen Augenblick, wie mein Fahrer, Uffz. Kondler, und der Funker Gerhard Lerch von den Russen erschossen werden. Das war eine glatte Exekution von Gefangenen – was ich da jetzt sah – hinter der Front!
Ich laufe weiter. Nicht weit vorne liegt ein Dorf. Ich biege links ab, von der Straße runter. Wieder ist mir so komisch – eine innere Stimme sagt mir: „Du bist in der falschen Richtung“ und ich kehre um. Artilleriefeuer liegt jetzt im Gelände, und es fängt an zu regnen. Dem ersten Gehöft am Dorfrand nähere ich mich ganz vorsichtig, halte überall nach Russen Ausschau. An der Scheune steht ein Eimer, halbvoll mit Regenwasser. Gott sei Dank!? Ich trinke gleich davon, mein Durst ist mittlerweile unerträglich geworden. Vorsichtig schleiche ich mich um das Haus herum. Innen sind Leute – Zivilisten, die Hausbewohner scheinbar.
Ich gehe nun hinein. „Mein Gott, wie sehen sie aus“ fragen sie mich. Ich sage: „Bitte, geben Sie mir etwas zu trinken, ich habe ganz großen Durst.“ Ich bekomme sofort einen großen Topf Milchkaffee. „Wollen Sie auch etwas zum Essen?“ „Ja, bitte eine Schnitte, aber nicht so dick. Ich bekomme nämlich den Mund nicht mehr weit auf!“
Ich bedanke mich bei den Leuten – und gehe mit der Fettschnitte wieder hinaus. Weiter muß ich, weiter, zu den deutschen Linien. Aber ich zögere. Soll ich mich im Schuppen verstecken? Als ich dort bin, merke ich, dass man meine Fußspur im Schnee sehen wird. Nein – hier nicht. Wohin? Ich springe über den Zaun und steuere die Erdbunker an, die sich die Leute gebaut haben. Als ich davor stehe, überlege ich erneut. “Nein, weitergehen – nicht hier bleiben“, sage ich mir. Ich krieche den Hang hoch und lege mich oben flach hin, denn die HKL kann nicht mehr weit weg sein.
Vor mir, in etwa 500 m Entfernung ist eine Brücke, unter der Brücke stehen mehrere Gestalten, Soldaten! Ich kann aber nicht erkennen ob es Deutsche oder Russen sind. Wie ich so angestrengt hinschaue, kommen zwei weitere, das Gewehr in der Hand, auf der Brücke angelaufen – Deutsche!
Gott sei Dank. Ich springe auf und laufe darauf zu, laufe, so schnell wie ich kann. Es sind Marinesoldaten. Ein Unteroffizier erwartet mich. Nun bin ich gerettet! Ich falle ihm um den Hals – und muß weinen. Meine Nerven spielen nicht mehr mit – jetzt bin ich wieder auf der deutschen Seite. Der Marineunteroffizier sagt zu mir: „Du hast Glück gehabt, meine Leute hatten schon auf dich angelegt, aber ich hab Dich durch das Fernglas erkannt. Stopp – das ist ein Deutscher!“
Ich brauche wieder etwas zum trinken, bitte darum. Man reicht mir eine Feldflasche – Tee mit Rum ist es. Ich bitte die Kameraden auch noch um eine Zigarette. Einer gibt mir eine Athika (bessere Sorte der damaligen Zeit). Dann will ich weiter. Ich muß zum >Sanitäter. Der Unteroffizier sagt zu mir: „So, Du gehst jetzt hier runter, da musst Du bei der Brücke nochmals den Kopf einziehen wegen der Feindeinsicht, dann stößt Du auf unseren Sanitätsschlitten, der wird Dich ins Lazarett bringen!“ Ich danke allen, dann marschiere ich los, wie es der Uffz. mir sagte. Bald stoße ich auf diesen Sanitätsposten. Man verbindet mich und bringt mich mit dem Sanitätsschlitten in die Stadt zum Kriegslazarett „Heinrich von Plauen – Schule“. Dort werde ich richtig versorgt und verbunden. Ich spüre nun, wie erschöpft ich durch die Strapazen der Flucht bin.
Aber in diesem Lazarett kann ich nicht bleiben – es ist überfüllt. Eine Schwester bringt mich durch den Garten in das Reservelazarett Bergschule. Der Marsch durch die HKL hatte mich auch körperlich stark mitgenommen. Im Reservelazarett hilft mir die Schwester, zieht mir die Uniform aus und bringt mich in ein Bett.
Am nächsten Morgen liegt heftiges, russisches Artilleriefeuer auf der Stadt Elbing. Die Schwester, die mich tags zuvor in dieses Lazarett Bergschule gebracht hatte, und fragt nach meinem Befinden.
Ich sage: „Schwester, sehr gut – soweit!“
Sie fragt weiter: „Können Sie uns helfen, andere Verwundete in den Keller zu schaffen – das wäre ein Befehl vom Oberarzt an alle, die noch halbwegs gute Kondition besitzen!“
„Wenn Sie mir ein paar neue Filzstiefel bringen, dann helfe ich, die meinen sind nämlich total durchnässt!“
Sie kommt mit neuen Filzstiefeln zurück, ich ziehe mich an und gehe mit, trage auf meinem Rücken den ersten Verwundeten in den Keller. Als ich wieder hochkomme, schlägt eine Granate genau vor der offenen Eingangstür ein. Ich erhalte einen Schlag, es dreht mich einmal im Kreis, dann falle ich um. Als ich mir bewusst werde, was passiert ist, merke ich, dass mir ein großer Granatsplitter die linke Schulter aufgerissen hat. Aus ist es, denke ich! Wie ich da so liege, kommt die gleiche Schwester wieder und sieht mich liegen.
„Herr Feldwebel, was ist?“
„Mich hat’s erwischt!“
Sie hilft mir hoch und bringt mich zurück ins Hauptlazarett. Dort ist der Operationsraum im Keller schon eingerichtet. Ich komme sofort auf den Operationstisch, der Oberarzt gibt seine Anweisungen. Alles geht sehr schnell. Als ich nach der Operation wieder wach werde, liege ich, mit einem Stukaverband versehen (die abgeknickte Oberarmstellung erinnerte an die Tragflächen des Sturzkampfflugzeuges JU 87) auf einer Tragbahre im Keller.
Die Ereignisse überschlagen sich förmlich. Am 9. Februar ist es dann soweit – die Russen besetzen das Lazarett. Das ganze medizinische Personal bringen sie sofort weg, obwohl alle Kellerräume voll von Verwundeten liegen. Ich liege natürlich auch unten. Volle zwei Tage bleiben wir ohne jegliche ärztliche Betreuung. Es ist ganz schlimm.

Endlich, nach zwei Tagen, dürfen die Ärzte und das Personal wieder zurück. Zuerst kommen die Schwerverwundeten in den Operationssaal. Auch ich bin dran, sogar einer von den ersten. Gott sei Dank – endlich Verbandwechsel! Wir kommen danach nach oben in solche Zimmer, welche noch heile Fenster haben.
Am nächsten Tag heißt es auf einmal, was laufen kann, soll ins Amtsgericht gehen, das sei ein Nebenlazarett. Ich hänge mir eine Decke um und tat was befohlen war. Ich war noch nicht weit marschiert, kommen mir Sankas entgegen. Auf den Kotflügeln sehe ich Soldaten mit Maschinenpistolen liegen. Mir ist das nicht geheuer. Da stimmt doch was nicht? Ich mache kehrt und gehe wieder zurück zu meiner Trage ins Reservelazarett.
Kurze Zeit später hören wir, das von den Russen alle deutschen Verwundeten, die im Amtsgericht waren, erschossen worden sind. Mein Gott, denke ich, was hatte ich für ein Glück, dass ich wieder umgekehrt bin! Irgendwie kommt es mir so vor, daß das Gottes Fügung war.
Es dauert nicht all zu lange, bis ich den Stukaverband loswerde. Am Anfang kann ich den Arm kaum bewegen, aber von Tag zu Tag wird es besser. Dies verdanke ich einer russischen Krankenschwester, welche jeden Tag Armübungen mit mir macht. Eines Tages sagt der Oberarzt zu mir: „Sie als Feldwebel übernehmen mal so ein bisschen die Betreuung der Bettlägerigen.“
Ich soll mit noch einem jungen Panzersoldaten, welcher den linken Unterarm verloren hat, mit Genehmigung des russischen Chefarztes und mit einem Wäschekorb ausgestattet in die an das Lazarett angrenzenden Wohnhäuser gehen und Bücher holen. Die Häuser sind alle verlassen. Bald haben wir unseren Korb voll. Die Bücher dürfen wir für unsere Station in die Zimmer bringen, was von den Verwundeten freudig begrüßt wird.
Auf unserer Station gibt es auch ein Zimmer mit verwundeten Frauen aus Elbing. Auch sie sind froh, als wir zu ihnen gehen und ihnen Bücher bringen. Von ihnen erfahren wir nach einiger Zeit – als die Frauen zu uns Zutrauen gefunden haben – ihre verschiedenen Schicksale. Es war schrecklich, was diese Frauen durchgemacht haben mit den russischen Soldaten.

Nach einiger Zeit wird es für uns ein Vorteil, dass wir die Frauen mit Büchern und Nachrichten versorgen. Unsere Verpflegung ist an für sich nicht schlecht, aber wir werden nicht satt davon. So geben uns die Frauen des öfteren Brot, manche ab und zu andere Lebensmittel, die sie von ihren Angehörigen erhalten, die zu ihnen zu Besuch kommen dürfen.
Unter anderen ist da ein Frl. Christel Nitsch aus Elbing, welche uns des öfters etwas zu essen gibt. Sie hat durch einen Granatsplitter ihr linkes Auge verloren. Ihre Eltern haben in der Stadt eine Gastwirtschaft. Als die Eltern eines Tages ihre Tochter besuchen, bringen sie uns auch etwas Essbares mit. So bekommen wir zwei, der Panzersoldat und ich, auch eine Wurst und ein Schlagaschkuchen (Gugelhupf). Der Vater schenkt mir sogar noch eine Handvoll Zigaretten. Das ist natürlich etwas für mein altes Soldatenherz. Wir haben durch Frl. Nitsch in dieser Zeit glücklicherweise immer etwas Zusätzliches zu essen.
Nach einiger Zeit, als mein Arm so weit geheilt ist, komme ich in ein anderes Lazarett nach Heilsberg. Das ist schade. Dort werden wir Kriegsgefangenen zur Arbeit eingesetzt. Später komme ich dann von Heilsberg in mehrere andere Lager, auch nach Insterburg. Von dort schickt man uns wieder nach einiger Zeit weiter nach Russland. Es ist ein sehr strapazenreicher Transport, denn von den Waggons ist jeder mit 30 bis 40 Mann belegt.
Am 30. September 1949 kann ich dann nach 4 ½  Jahren Gefangenschaft zurückkehren.
Gott sei’s gedankt.Nachtrag.

Herr P. ist Jahrgang 1916 und aus Ronneburg/ Thüringen, er war gelernter Bäcker und Konditor. Ausgezeichnet wurde er im Krieg mit dem Deutschen Kreuz in Gold, dem EK I und EK II, der Nahkampfspange in Silber, das Panzersturm-Abzeichen und das Verwundetenabzeichen in Silber.

In der Fernsehsendung „Musik für Millionen“ bei Dieter Thomas Heck suchte Herr P. nach Frl. Christel Nitsch – seinen Engel von Elbing – leider vergebens.
Der Pangritz-Club konnte helfen, Frau Christel Riebe, geb. Nitsch war Mitglied in unserem Club und so kamen beide wieder zusammen. Frau Christel Riebe ist inzwischen verstorben.

Nach soviel Kriegsgeschichte will ich auf der nächsten Seite  (Elbing 2006 / V) von einer Fahrt ans "Frische Haff" nach Reimannsfelde und einer größeren Fahrt über Reichenbach, Waplewo und Bagart (Baumgart) berichten.